1.2 Das Web verändert sich

1.2 Das Web verändert sich

Mitte der neunziger Jahre verbreitete sich explosionsartig das eigentlich schon in den sechziger Jahren erfundene Internet unter anderem durch die Kombination aus HTML (HyperText Markup Language, der Sprache, in der Webseiten geschrieben werden) und der Entwicklung von Webservern und Webclients (Browsern).

Ohne eine E-Mail-Adresse war der einzelne Mensch nicht mehr erreichbar, und ohne eine Website war eine Firma nicht nur altmodisch, sondern in den Augen vieler Kunden nicht mehr existent. Die ganze Welt drängelte also in kurzer Zeit in dieses Netz, um ein Teil davon zu werden. Filme wie Matrix4 wurden zum Kassenschlager, und 19845 von George Orwell wurde erfolgreich verdrängt.

1.2.1 Das statische Web

Die Ersteller dieser Websites teilten sich in zwei Gruppen.

  • Diejenigen, die es gewohnt waren, Softwareprogramme zu kaufen, kauften HTML-Editoren für ihren Computer und erstellten mit Hilfe einer grafischen Umgebung Internetseiten, ich nenne sie mal die mausorientierten Produzenten.

  • Die anderen schrieben den HTML-Code lieber gleich selbst in einem ohnehin vorhandenen Texteditor. Diese Gruppe nenne ich mal die textlastigen Produzenten.

Webagenturen waren plötzlich da, bei denen man Websites in Auftrag geben konnte. Mausorientierte und textlastige Produzenten hielten sich quantitativ die Waage und ergänzten sich gut. Sie bauten und bauen Millionen von Webseiten.

Die meisten normalen Menschen warteten allerdings erst einmal ab und ignorierten solche Entwicklungen völlig. Es gibt heute immer noch sehr viele Menschen in Europa ohne E-Mail-Adresse und auch sehr viele Firmen ohne eine Website! Gerade hier in Frankreich fällt mir das im Vergleich zu Deutschland sehr auf.

Es gibt auch sehr viele Menschen mit einer E-Mail-Adresse, die mit der ganzen Entwicklung eigentlich nichts zu tun haben wollen. Ich nenne diese Gruppe mal die pragmatischen Kunden. Die pragmatischen Kunden warten ab, bis die anderen Gruppen etwas wirklich Einfaches erfinden, das gut funktioniert und einen erkennbaren Nutzen bietet.

Dann betreten sie die Bühne!

Ich glaube, die Mehrzahl der Menschen auf der Welt besteht aus diesen pragmatischen Kunden.

1.2.2 Das Web wird dynamisch

Die beiden produzierenden Gruppen hatten anfangs das Problem, dass HTML-Seiten statisch sind. Um den Inhalt der Seite zu ändern, muss man sie am heimischen oder Firmen-PC bearbeiten und danach wieder auf den Webserver kopieren. Das war nicht nur unbequem und teuer, es machte auch dynamische Webauftritte wie eBay oder Amazon unmöglich. Beide Produzentengruppen fanden mehr oder weniger gute Lösungen für das Problem.

In der mausorientierten Fraktion entstanden schnell binäre Programme wie Microsoft Frontpage und Macromedia Dreamweaver, mit denen man HTML-Seiten erzeugen konnte, die wiederum per automatisiertem Verfahren auf den Webserver geladen wurden. In die Seiten wurden interaktive Elemente wie Besucherzähler oder Ähnliches eingebaut. Beide Produkte erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit. Frontpage heißt jetzt Expression Web, und die Firma Macromedia wurde von Adobe gekauft. Das Produkt Dreamweaver existiert weiterhin und wird aktiv weiterentwickelt. Von dieser Seite betrachet, hat sich wenig verändert in den letzten Jahren.

Die textorientierte Fraktion entdeckte handgeschriebene Java-Applets und damit die Möglichkeit, ein Programm zu schreiben, das zentral auf einem Server liegt und über einen Browser bedienbar ist. Auf dieser Lösung beruhten ganze Geschäftsideen wie Online-Broking und Flugbuchungskonzepte.

Beide Gruppen versuchten auf verschiedene Arten ihre Marktanteile auszubauen. Das Ergebnis war ein recht stabiler Markt für beide, in dem durch immer neue Features ständig die Versionsnummern der Programme hochgetrieben wurden und sich die Kunden der Webagenturen daran gewöhnten, dass das alles nicht so einfach wäre.

Unsere pragmatischen Kunden sahen sich all das misstrauisch an, bemerkten keinen Unterschied zwischen den Herstellungsmethoden und fanden die meisten Seiten langweilig und unübersichtlich!

1.2.3 PHP und MySQL

In solchen Situationen gibt es immer eine clevere Erfindung. In unserem Fall ist das unter anderem die Entstehung von Open Source-Scriptsprachen wie PHP6.

Rasmus Lerdorf hatte das Ziel, seine Homepage außer mit statischen HTML-Tags auch mit interaktiven Elementen zu versehen, und heraus kam eine neue Programmiersprache.

PHP (Abkürzung für personal home page) wurde von Anfang an optimiert auf die gute Zusammenarbeit mit dem Datenbanksystem MySQL, das ebenfalls unter der GPL ("General Public License") stand. Mittlerweile ist diese Verbindung mit PHP 5 wieder etwas gelockert, stellt aber immer noch in Verbindung mit der flachen Lernkurve einen großen Anreiz für PHP dar.

Es gab auch bereits das Betriebssystem Linux und einen Webserver namens Apache, die die benötigte Infrastruktur für PHP auf dem Server boten. Das Anzeigemedium beim Kunden war der Browser, der mit Sicherheit vorhanden war. LAMP (Linux, Apache, MySQL, PHP) wurde bald das Synonym für datenbankgestützte, interaktive Auftritte im Internet. Schnell kamen WAMP (für Windows) und MAMP (für OSX) dazu.

Wie in einem kreativen Rausch entstanden verschiedene Systeme, die es ermöglichten, Inhalte nur mit Hilfe eines Browsers zu organisieren: Es gab plötzlich Newsseiten, Forenseiten, Communitys, Online-Shops, Voting-Seiten und Ähnliches.

Nach den „harten“ Sachen wie Linux und Apache, für die man noch Programmiersprachen wie C, C++ und Assembler beherrschen musste7, entstanden nun plötzlich die „weichen“ Anwendungen, die nach einer kurzen Einarbeitung in PHP erstaunliche Resultate lieferten.

Die neunziger Jahre neigten sich dem Ende zu, die Internetaktienblase platzte, und plötzlich waren wieder ganz klassische Geschäftsmodelle mit ganz klassischen Methoden gefragt.

Immer wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, schaut sie auf die Kosten und überlegt, ob es Möglichkeiten gibt, diese zu senken. Es gab und gibt zahlreiche Möglichkeiten!

Die PHP-Anwendungen, die es damals gab, hatten Verbreitungszahlen, die in die Millionen gingen. Als Beispiele seien hier nur die Projekte phpBB8 und phpMyAdmin9 genannt. Das eine hat sich zum Quasistandard für Forensoftware entwickelt, das andere zum Standard für das Bearbeiten von MySQL-Datenbanken per Webinterface.

Der Quellcode der Sprache PHP selbst und der Anwendungen wurde durch die enorme Zahl von Nutzern und Entwicklern immer schneller immer besser. Je offener ein Projekt gestaltet wurde, desto erfolgreicher wurde es.

Einzelne Gurus konnten Unternehmen in kürzester Zeit immense Kosten sparen.

Statische HTML-Seiten galten als alt, teuer und überholt. Dynamisch musste es sein! In diesem Umfeld bewegen wir uns jetzt seit ein paar Jahren. Linux, Apache, MySQL und PHP sind in der Industrie akzeptiert.

Wichtig wurde:

  • eine einfache Installation

  • eine gute Wartbarkeit des Quellcodes

  • die Sicherheit des Quellcodes

  • die Benutzerfreundlichkeit

  • die einfache Erweiterbarkeit

  • Schnittstellen zu anderen Systemen (API)

Der besondere Vorteil von PHP-Anwendungen ist die Unabhängigkeit von Hardware und Betriebssystem. Es gibt – im Vergleich zu anderen Programmiersprachen – viele PHP-Programmierer auf dem Markt, und täglich werden es mehr.

Wir sind jetzt mit der Geschichte ungefähr im Jahr 2000 und endlich wieder bei Drupal.


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