Drupal in Unternehmen oder Notizen aus der Provinz?

Achtung -> Der Text speist sich aus meinen Erfahrungen in großen deutschen Unternehmen und gibt meine persönliche Meinung wieder (Ja, ich kenne SCRUM, Ja ich weiß um die Vorteile von J2EE und .Net, Ja, ich war auch mal Taxifahrer, ja, ich bin bei Sinnen und manchmal bin ich ungeduldig Smiling ) Ich mag große deutsche Unternehmen und habe durchaus erlebt, was möglich ist, wenn so ein Unternehmen gut funktioniert. Beim Lesen können Sie größtenteils das Wort Drupal durch das Wort Joomla! ersetzen. Es geht nicht sooo sehr um Technik. Lesen Sie es bitte als eine Art BrainDump. Ich muß das einfach mal aufschreiben und veröffentlichen: Ich habe nicht viel Zeit, weil ich im Zug sitze, verspreche aber, dass ich weiter am Thema dranbleibe.

Die Geschichte

In großen Unternehmen sind Content Management Systeme ein "alter Hut". Bereits Mitte/Ende der Neunziger Jahre wurden solche Systeme geplant und betrieben. Auch Intranets und Extranets wurden realisiert. Meistens gab es "die IT Abteilung" und "die/das Fachabteilung/Sparte/Werk" (suchen Sie sich einen Begriff aus, den Sie kennen). Diese Fachabteilung wünschte sich Tools um das Unternehmen voran zu bringen, suchte Budget und die "IT-Abteilung" realisierte. Realisierung hieß: Man erstellt ein Konzept, nimmt das Budget, entwickelt etwas und zeigt es ein paar Monate nach der Anforderung der Fachabteilung. Oft wird auf dem Weg durch die Lenkungsausschüsse das ursprüngliche Ziel ins Gegenteil verkehrt. Die Fachabteilung findet das Ergebnis dann nicht gut, hat aber kein Budget mehr (und keine Nerven) und so entstanden und entstehen nach und nach die heutigen "IT-Landschaften".

Jeder Boom hinterließ und hinterläßt, je nach Unternehmensgröße, einen kleinen und/oder großen [zensiert]haufen Applikationen. Dieser Haufen verschafft IT-Abteilungen, Agenturen, Beratern, Architekten, Hardware Verkäufern, etc langfristig Brot und Lohn. Allein der Unternehmenszweck wird oft nur am Rande geschrammt. Meistens entwickelt die Fachabteilungen schnell einen funktionierenden Weg um das offizielle System herum.

Es gibt noch anständige Stellenbeschreibungen in großen Unternehmen und User Generated Content ist noch nicht so richtig angekommen. Die Seite mit den höchsten Zugriffszahlen im Intranet ist oft der Essenplan, den die Kantine als Word Document an den Content Manager per E-Mail sendet  (immerhin).

Nach meinen Erfahrungen funktioniert das auch heute (02/2009) noch ungefähr so (seit 1982 spiele ich mit kleinen Pausen immer mal wieder in unterschiedlichen Positionen mit).

Jetzt ist mal wieder Krise.

So neu ist das ja nicht und an jedem Kaffeeautomaten konnte man seit Jahren Menschen sehen, die sich fragten, wie dieses System eigentlich langfristig funktionieren soll? (Siehe in diesem Zusammenhang: Schweinezyklus)
Es stellen sich wieder die üblichen Fragen, beispielsweise: Wo können wir nur sparen?

  1. die Lizenzkosten!
    Man versucht, statt teuren Lizenzen, Open Source Software zu nehmen. Die kann zwar nicht alles, aber sie kostet ja nix. Außerdem entwickelt die ja jemand weiter. (Wer eigentlich?)
  2. Die Open Source Leute sind irgendwie fix und entwickeln die richtigen Dinge (was machen die anders?)
  3. Wir brauchen keine Supportabteilung mehr!
    "Welchen Support Response Zeit hat denn die Community von Drupal? Können Sie das garantieren?"
  4. "Wir wollen uns nicht ändern! Den Ist-Zustand sollte das OpenSource System schon abbilden können" Besonders diese Anforderung hat in meinen Augen Typo3 im deutschsprachigen Raum so erfolgreich gemacht.

Auftritt Drupal oder "Yes we can"

Drupal ist Open Source Software, hat 3.500 Module und es ist mir bis heute kein wirklicher Anwendungsfall begegnet, der sich nicht damit lösen ließ. Um es kurz zu machen - es ist gut! Sehr gut! (Joomla! übrigens auch.)

noch mehr erlebte Erfahrungen

  • Die User in Drupal
    Ein User in Drupal ist Prosumer (behaupte ich jetzt mal). Er kann Inhalt erstellen (Producer) und/oder konsumieren (Consumer).
    Die Vorstellung, dass ein Benutzerkonto pro Nase ausreicht und an dieses Benutzerkonto Rechte vergeben werden, ist nicht selbstverständlich in Unternehmen (Unterschied Privat <-> Geschäft). Normalerweise gibt es mindestens zwei Tabellen. Eine für die Administratoren, Redakteure, ContentManager, Integratoren, ... (die Wichtigen?) und eine für die Benutzer (die Unwichtigen?)
  • Die Datenbank MySQL
    "Ja kann denn MySQL 15.000 Artikel verwalten? Bisher arbeiten wir mit [beliebig austauschbar -> Lizenz mindestens 25.000$"
  • Staging
    Wir wollen alle unsere Änderungen zunächst komplett fertig auf der Staging Website sehen und dann "den Knopf" drücken und dann ist alles online. Änderungen an LiveSystemen sollen nicht möglich sein (Übrigens nicht wegen den technischen Risiken, sonder eher wegen der Schuldfrage und aus Angst etwas kaputt zu machen)
  • Die Community
    Wir wollen eine lebendige Community (Schauen Sie dann mal in die Kantine). Community Manager sind in den Stellenbeschreibungen aber eher selten zu finden. Mit Community Managern meine ich Menschen, die das hier als ihre Aufgaben ansehen [todo übersetzen]
    • Listen: Use listening tools like Technorati, Talkdigger, read blogs, forums, wikis, to find out what customers are saying
    • Respond: Depending on what’s being said, respond quickly when appropriate
    • Inform: Tell the right stakeholders in the company what’s happening, this can range from Engineering, Product Management, Product Marketing, PR, Marketing, Bloggers, or forums moderators.
    • Shut up and sit back: One of the most important jobs of the CM is to connect the right internal people with customers and let them work it out, stay out of the way if you don’t understand the problems.
    • Listen more: Keep on listening, responding, informing, and connecting the right folks. A community manager is an odd looking being, big ears and eyes, and a small mouth.
  • Der Datenschutz
    Oha, wenn wir das mit dem Trackermodul dem Betriebsrat zeigen ...
  • Die innerliche Kündigung
    Wir haben viele Mitarbeiter die arbeiten "Dienst nach Vorschrift". Die Schulungen sollten nicht mehr als 3 Stunden dauern
  •  ... ich hör hier mal auf, ich vermute, Sie wissen, was ich meine ...

Nochmal: Wie passt Drupal in solche Szenarien, oder gar Joomla!?

Ich versuche mal eine Antwort:
-> schwer bis gar nicht,
aber wenn Sie sich trauen ... woah ... dann geht's ab.

Wenn man sich auf Systeme wie Drupal wirklich einläßt, lernen alle am Prozeß Beteiligten!
Auch Ihre Kunden - und sie werden dankbar sein und Ihre Produkte kaufen, ihren Service nutzen und ihre Botschaft hören (wenn sie fair sind! -> don't be evil!).
 
Allein - sie brauchen natürlich ein Produkt, einen Service, eine Botschaft. Ohne das wird es eng in der Open Source Community (und im Rest der Welt).

Jeder Benutzer von Drupal (und vielen anderen CMS) kann jede Rolle ausführen, es ist nur ein Klick in den Berechtigungen.
Klick - befördert, Klick - degradiert.

Das bedarf ein hohes Maß an Verantwortung auf allen Seiten.
 
War da nicht mal was mit Wissensgesellschaft?
 
Anforderungen an Drupal können im eigenen System intern oder auf Drupal Groups öffentlich diskutiert und entschieden werden. Unternehmenspolicies, Missions, Ziele können im eigenen System intern erarbeitet und auch umgesetzt werden. Anforderungen die wirklich geschäftskritisch sind, können als Modul entwickelt und im Idealfall danach contributed werden. Kein Konkurrent wird ihnen dann die "Butter vom Brot" nehmen. Aber vielleicht können Sie dem Konkurrenten Ihren Service verkaufen (oder den Konkurrenten für billig erwerben).
 
Denken Sie doch mal pragmatisch.
Sie können beispielsweise mit dem Shop Modul von Drupal drei Gruppen von Dingen verkaufen
  1. physikalische Dinge (T-Shirts)
  2. Rollenzugehörigkeiten (mehr Upload, mehr von irgendwas)
  3. Dateirechte (Downloads - Bücher, Klingeltöne, Podcasts, etc) 
Sie müssen das auch nicht verkaufen. Sie können es verschenken, um den Usern Reputationsmöglichkeiten zu ermöglichen. Ihre Benutzer können sich das "verdienen", indem sie Dinge tun (die nützlich für Sie sind) und Punkte sammeln. Ab einem gewissen Punktestand werden sie mit den drei Dingen belohnt.

Cool - sie wollen das auch haben ...?

Oha ... dann sollten Sie Verantwortung teilen. Sich nicht mehr so wichtig nehmen, zuhören, lernen, an der Wissensvermehrung aktiv teilnehmen ... (siehe Communitymanagerprofil weiter oben)

Sie wissen nicht so recht wie?

Wie gesagt, eine Patentlösung habe ich nicht, aber vielleicht suchen Sie nur einen Schlüssel für eine sperrangelweit offene Tür! (Den fett geschrieben Teil des Satz habe ich übrigens gerade diesem Buch entnommen)
Besuchen Sie doch mal (oder lassen Sie besuchen) eine Drupal Konferenz  oder das DrupalMediaCamp in der Schweiz!
So ... jetzt geht es mir wieder gut, und über Kommentare freue ich mich  Smiling

 

Kuhl!

Im neuen T3N Magazin gibt es einen zweiseitigen Erfahrungsbericht über Drupal bei Zeit Online. Von mir selbstpersönlich geschrieben. Mit viel Liebe.

ben, der von birkenhake.org

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Link?

Hallo Ben, gibt es dazu einen Link oder muß ich das Magazin kaufen? Was ich ja machen würde, aber ich bin nicht in Deutschland!
Heißt das CMS in deiner Kompentenzenliste wirklich Popoon (oder eher Cocoon -  Werft ihn zu Poden den Purschen“ fällt mir dabei ein :-) )?

du hast so recht

ich bin glücklicherweise in der fachabteilung und kümmere mich um die entwicklung einer neuen seite und es ist so unglaublich schwierig den "bossen" die beteiligung von kunden, lieferanten und mitarbeitern zu vermitteln. geschweige denn, daß alle immer nur ihren dienst nach vorschrift vor sich sehen und sich der bedeutung einer community ähnlichen lösung einfach nicht bewusst werden wollen. eher gewinnt don quijote gegen ein feld voll windmühlen.

wenn die neue seite meiner firma in 12 monaten oder so mal steht werde ich gerne meine erfahrungen darüber weitergeben. oder ausgewandert sein.

grüße
roger

danke

guter artikel.
hab da täglich mit zu kämpfen aber immer mehr kunden steigen in den zug ein.

gruss stefan nbg

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In den Zug einsteigen

Ja, das stimmt, der Zug fährt schon eine Weile und es werden immer mehr, die mitfahren. Er fährt allerdings auch langsam aber sicher immer schneller (warum eigentlich?).

Release Zyklen von einem Jahr waren bei Drupal bis vor kurzem die Regel (übrigens ohne Roadmap). Ein Jahr! Wie schnell vergeht ein Jahr bei einem großen deutschen Autohersteller?

Die Unternehmen, die seit Jahren mitfahren, habe es leichter. Sie konnten Erfahrungen sammeln und lernen.  Die Zögerer (Es ist immer die falsche Zeit einen Laptop zu kaufen - morgen ist er billiger), die jetzt im Fahren aufspringen wollen, müssen genau überlegen, wie sie das anstellen. Die Fragen, die die Unternehmen stellen (lassen) sind ja ehrlich. Es sind reale Probleme in einem realen Umfeld. Sie wissen auch, dass es dafür keine technische Lösung gibt. Der einzelne Mitarbeiter, der für die Beantwortung dieser Frage zuständig ist, löst damit aber sein Verantwortungs- und Haftungsproblem.

Bild von Hagen Graf

In diesem Zusammenhang

Video "wir können vieles" im Anhang

Wir können Alles... ausser Hochdeutsch

Das Video am Ende der Seite ist bezeichnend für die Kommunikation in vielen Firmen. Einerseits die mannifaltigen Denglisch-Begriffe, in denen sich selbst die Redner zuweilen verzetteln (ähm, was hab ich jetzt gemeint?) - zum anderen der Trend zu immer neuen Abkürzungen für unaussprechliche Denglismen.

Selber in der IT zu Hause fand ich es interessant, Teilnehmer an einem Meeting verschiedener Fachabteilungen zu sein, in denen es ebenso "Denglisch" zuging - wie Abkürzungen eingeworfen wurden.
Nach einer längere Grundsatzdiskussion zwischen zwei Fachabteilungen stellte sich im Nachhinein heraus, das jede die gleiche Abkürzung in den Raum warf, jedoch unterschiedliche Themen damit gemeint waren.

Ich bin auch ein großer Fan der IT Kollegen, die Daten gebackuped und Firmware geupdated haben (natürlich nachdem diese erst gedownloaded wurden).
Manchmal fehlen Ihnen auch ganz einfach die deutschen Begriffe für das, was sie machen und meinen.

Die sogenannten Innovationen mancher Hersteller sind - im Pudels Kern betrachtet - alte Hüte in neuem Denglisch-PR-Gewand. Manchmal würde es helfen wenn die Entscheider in Unternehmen weniger PR - und mehr gesunden Menschenverstand - für die Planung und den Einsatz von Informations- und Wissensmanagement einsetzen.

Statt dessen füllen Sie lieber die Kassen der großen Rundum-Sorglos-Anbieter mit großem Werbeetat - um dann in zweiter Linie festzustellen, wie weit die teuer gekaufte Software an Ihrem grundlegenden Informations-/Wissensbedarf vorbei geht - und was die neue Software alles nicht kann.

Selbst bei Einsatz von freier Software bliebe immer noch die Frage ob man diese bedarfs- und zielgerichtet auslegt. Oder es wieder einer IT Abteilung überlässt, im sillen Kämmerlein und abgeschottet vom Rest der Welt ein Hilfsmittel an die Hand zu geben welches den Bedarf abdeckt - oder nur das Ego der IT Abteilung befriedigt ("wir haben da ein Super Tool entwickelt") und der Endbenutzer verzweifelt.

Aber wir erfinden fast jeden Tag das Rad neu... was solls